Verkaufsgespräch Seite 2


Passivtechnik sollten mit diesem Argument aber sehr vorsichtig umgehen: zu den ausgesprochen mikrofonieempfindlichen Bauteilen gehören nämlich gerade die großvolumigen Kondensatoren der Passivweichen und dort gibt es zudem noch verzerrungsträchtige magnetische Verkopplungen zwischen Drosselspulen und den Schwingspulen der Chassis. Sollen wir Ihre Behauptung einmal durch ein ganz einfaches Experiment ad absurdum führen? Wir brauchen dazu nur bei einem Aktivlautsprecher ohne Eingangssignal auf die angeblich so erschütterungsempfindliche Elektronik zu klopfen, um festzustellen, daß sich auf diese Weise auch nicht der geringste hörbare Effekt einstellt. Ich möchte mir gerne sensorgeregelte Aktivlautsprecher anhören.

Verkäufer: Da rate ich Ihnen aber ab; die Regelung kommt doch immer zu spät, also erst dann, wenn der Fehler schon passiert ist.

Kunde: Es ist schon erstaunlich: Bei offenkundiger Überlegenheit des aktiven Prinzips wollen Sie einfachste Zusammenhänge nicht verstehen, wenn es aber darum geht, Aktivlautsprecher schlechtzumachen, dann bemühen Sie sogar das zweieinhalbtausend Jahre alte Paradoxon von Zenon und versuchen, die Infinitesimalrechnung auszutricksen, als hätten Leibniz und Newton nie gelebt.

Verkäufer: Leibniz erinnert mich an Butterkeks, aber was ist Zenon?

Kunde: Der Sophist Zenon wollte seinen Mitmenschen weismachen, dass Achilles einen Wettlauf mit einer lahmen Schildkröte niemals gewinnen kann, wenn man der Schildkröte nur anfangs einen Vorsprung gewährt: In der Zeit, die auch ein Athlet wie Achilles braucht, um den Vorsprung einzuholen, hat die Schildkröte nämlich wieder eine kleine Wegstrecke zurückgelegt, mithin wieder einen Vorsprung. Bei ständiger Wiederholung dieses Vorganges wird zwar der jeweilige Vorsprung der Schildkröte immer kleiner, bleibt aber im Prinzip immer bestehen, so dass die Schildkröte nie eingeholt wird und Achilles wie die elektronische Regelung stets zu spät kommt. Ein ebenso merkwürdiges Verständnis haben Sie von kybernetischen Systemen und dem Prinzip der Regelung.
Ohne Regelung würden die Menschen nicht aufrecht gehen können sondern dauernd umfallen, Radfahren wäre unmöglich und der Mond würde auf die Erde fallen. Kein Wunder, dass die Ingenieure ständig dabei sind, dieses Prinzip zu nutzen und von der numerisch gesteuerten Werkzeugmaschine über Antiblockier-systeme im Auto bis zu sensorgeregelten Lautsprechermembranen enorme Fortschritte erzielen. Große Teleskope für die astronomische Forschung waren schon immer eine besondere Herausforderung für die besten Optiker und Feinmechaniker und weil die Regelungstechnik gerade zusammen mit präzisester Mechanik besonders effektiv ist, werden dort enorme Fortschritte mit aktiver Optik, also mit Sensoren und Regelung erzielt. Übrigens kann selbst der primitivste Passivlautsprecher nicht ganz auf Regelung verzichten: Der von der Bewegung der Schwingspule induzierte Strom wird im Sinne einer Regelung zur Dämpfung benutzt und der Gummiring, der die Membran am Rand festhält, dient unter anderem dazu, nach einer Auslenkung die Membran immer wieder in die Ruhelage zurückzuziehen. Ohne diese Lageregelung würde die Membran nach kurzer Zeit außerhalb der Box unkontrolliert herumbaumeln. Sie wäre dann ein schönes Beispiel dafür, daß auf dieser Welt nur die Regelung das Chaos von der Berechenbarkeit trennt. Ich möchte mir gerne sensorgeregelte Aktivlautsprecher anhören.


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